Kinder sind anders, Jugendliche auch – Neuer Kurs in 2018

Warum Kinder und Jugendliche eine besondere Beratung und Seelsorge brauchen.

Kinder sind anders. Jugendliche auch. Diese Erkenntnis ist zwar bekannt. Aber es ist eine ungenaue Aussage. Ungenaues Wissen erzeugt Unsicherheit und hilft vor allem dann nicht weiter, wenn es darum geht, Menschen in dieser Altersstufe helfen zu wollen. Erst recht wirkt sich diese Unsicherheit aber dann deutlich aus, wenn die Hilfestellung im Rahmen der Allgemeinen Beratung, Psychotherapie und Seelsorge (ABPS) geschehen soll. Um hier zu sicheren Aussagen zu kommen, wollen wir in einem neu aufgebauten Kurs die Grundlagen der ABPS bei Kindern und Jugendlichen anbieten. Es soll darum gehen, interessierten Beratern und Seelsorgern (und solchen, die es werden wollen), Eltern und Lehrern vor dem Hintergrund der Andersartigkeit von Kindern und Jugendlichen unter Berücksichtigung unseres ganzheitlichen Konzeptes die Unsicherheit zu nehmen und konkrete Hilfestellungen für die Beratung zu leisten.

Ich möchte im Rahmen dieses Artikels einige fundamentale Unterschiede zwischen Kindern und Jugendlichen skizzieren und Ihnen dadurch die Notwendigkeit einer spezifischen Ausbildung vor Augen führen. Gleichzeitig erkennen Sie an diesen Skizzen bereits elementare curriculare Bestandteile des neuen Kurses, denn wir werden anhand der Unterschiedlichkeiten im Kurs arbeiten.

Beginnen wir mit der Motivation der Kinder und Jugendlichen. Wenn ein Erwachsener in die Beratung kommt, dann können wir in der Regel davon ausgehen, dass ein gewisses Maß an innerem Leidensdruck vorliegt, der ausreicht, dass er Hilfe sucht (ich werde im Folgenden keine gesonderte Geschlechterbeschreibung vornehmen). Erwachsene kommen von alleine, Kinder und Jugendliche werden in der Regel gebracht. Sie wollen nicht, zumindest meistens.

Wir wissen aus der Psychologie, dass eine elementare Voraussetzung für Lernprozesse die Motivation ist. Am besten intrinsische. Diese liegt in der Regel bei einem Kind oder Jugendlichen, zumindest zu Beginn der Beratung, nicht vor. Das macht eine ganz andere Zugangsweise notwendig, die aber gleichzeitig Voraussetzung für den therapeutischen Erfolg ist. Wir müssen Motivation aufbauen, die (noch) nicht da ist. Über diesen Umstand werden wir im Kurs intensiv nachdenken und Lösungsansätze aufzeigen.

Aus diesem Umstand entwickelt sich unmittelbar das nächste Problem. Weil die Erwachsenen in der Regel selbst motiviert in die Beratung kommen, sehen sie im Berater zumindest eine potentielle Hilfe (sonst würden sie ja nicht hingehen). Das ist bei Kindern und Jugendlichen anders. Weil sie in der Regel nicht gerne in die Beratung kommen, wird jede Tätigkeit des Beraters als Eingriff in die eigene Souveränität begriffen. Der Berater wird sozusagen zum „Gegner“, oder wird zumindest äußerst misstrauisch beäugt. Wir müssen deshalb einen pädagogischen Bezug schaffen, der (noch) nicht vorliegt. Auch dies werden wir im Kurs intensiv betrachten.

Kommen wir zu einem weiteren Unterschied: Der Erwachsene, der in die Beratung kommt, hat ebenso wie ein Kind oder Jugendlicher zwar auch ein Problem, aber unabhängig davon, wie schwer es wiegt, so hat er auf jeden Fall bereits ein höheres Maß an Lebenszeit „auf dem Buckel“. Und zwar immerhin eine so erfolgreiche Lebenszeit, dass er bis dato gelebt hat. Ein Kind oder Jugendlicher hat keine so lange Zeit hinter sich. Es fehlt ihm Lebenszeit und dadurch – wenn nicht gar qualitativ, so doch zumindest quantitativ – Lebenserfahrung. Er weiß einfach weniger über die Welt. Das führt dazu, dass er seine psychischen Probleme immer in den Kontext einer allgemeinen Verunsicherung über die Welt an sich, und wie es sich in ihr leben lässt, bringt. Und zwar unabhängig davon, ob diese Unsicherheit in einer effektiven Verbindung zum jeweiligen psychischen Problem steht, oder nicht. Mit anderen Worten: die anthropologische Unsicherheit der Kinder oder Jugendlichen ist in jedem Fall zumindest quantitativ erheblich größer als die eines Erwachsenen. Und das macht eine spezifisch anthropologisch geprägte Beratung notwendig. Dies bedeutet, wir müssen anthropologisch viel reflektierter und betonter vorgehen, als in der Erwachsenenseelsorge. Darüber werden wir im Kurs nachdenken.

Auch bei dem Seelenbegriff in der ABPS stoßen wir schnell auf fundamentale Unterschiede bei der Beratung von Kindern und Jugendlichen, und zwar bei jedem der Faktoren. Nehmen wir zunächst die Spiritualität. Kinder und Jugendliche sind anders. Ob sich das direkt aus dem bekannten Spruch Jesu herleitet, „wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht ins Reich Gottes gelangen“, kann und will ich jetzt an dieser Stelle theologisch gar nicht ausarbeiten. Fakt ist, Jesus beschreibt eine Andersartigkeit (sonst müssten Erwachsene nicht werden, wie Kinder), und wir können getrost davon ausgehen, dass sich die Spiritualität von Kindern und Jugendlichen anders darstellt, als diejenige von Erwachsenen.

Auch die Physis ist anders. Kinder und Jugendliche haben einen anderen Körper- und Hormonhaushalt als Erwachsene, sie haben andere Kräfte (wer von den Erwachsenen ist schon so biegsam wie Kinder, welches Kind kann schon einen Kasten Bier anheben) und dies wirkt sich in vielfältiger Art auf die Wahrnehmung und den Umgang mit psychischen Problemen aus. Wir Erwachsene haben auch hinsichtlich der Psyche eine ganz andere Sicht von Problemen. Ohne hier bereits allzu tief in die Fachlichkeit einzusteigen, können wir dies beispielsweise aufgrund der unterschiedlichen Denkentwicklung (vgl. z.B. Piaget) oder dem Umgang mit altersspezifischen Entwicklungsaufgaben (z.B. Havighurst) schnell nachvollziehen.

Fazit: Wir müssen die spirituellen, psychischen und somatischen Entwicklungsstufen und Unterschiedlichkeiten von Kindern und Jugendlichen kennen, um tatsächlich substantielle Hilfe zu leisten.

Je länger man mit solchen Andersartigkeiten konfrontiert ist, umso größer wird der Respekt vor der Andersartigkeit bei Kindern und Jugendlichen und demzufolge der Notwendigkeit einer spezifischen Vorbereitung auf die Herausforderungen, die Seelsorge mit Kindern und Jugendlichen mit sich bringt.

Wir laden Sie ein zu diesem neuen Einführungskurs in die Kinder- und Jugendberatung. Termine: 16.-17.03. und 04.-05.05.2018, jeweils Freitags von 14:00 – 19:00 Uhr und Samstags von 09:00 bis 16:30 UhrOrt: Evangelisches Jugendwerk Stuttgart

Dr. Jörg Dieterich, Jahrgang 1968, verheiratet, zwei Kinder (6, 10). Derzeitig Studiendirektor im Bereich Sozialpädagogik an der Justus von Liebis Schule in Überlingen. Langjähriger Leiter der Beratungsstelle für Kinder und Jugendliche am damaligen IPS in Freudenstadt. Vertretungsprofessor für Pädagogik an der pädagogischen Hochschule Karlsruhe

Programm Flyer

Seelsorgerliche Beratung in BTS Gruppen – Nötiger denn je!

„Gerne würde ich mich in der Gruppe persönlich verabschieden und den Gruppenteilnehmern dazu gratulieren, in welcher Goldgrube sie gelandet sind.“

Diese Antwort bekam ich von einem ehemaligen Gruppenteilnehmer, der nun wieder ohne die Hilfe in der Gruppe in seinem Alltag zurechtkam. Aus beruflichen Gründen war es ihm nicht möglich, sich in der Gruppe zu verabschieden. Diese Botschaft an die Gruppenteilnehmer war ihm aber wichtig.

Er beschrieb sein Erleben dort mit: Ich habe den Eindruck, dass ich in der Gruppe gigantisch viel gelernt habe und glaube auch, dass ich so manches in meinem Leben umsetzen konnte. Ich habe es bisher nirgendwo anders erlebt, wie mir zugehört wurde und ich in meiner Situation ernst genommen wurde und eben auch herausgearbeitet wurde, was die eigentlichen Knackpunkte sind. Es ist nicht so, dass meine „nackten Stellen“ nicht mehr da sind, ich habe sie aber kennen gelernt und kann besser mit ihnen umgehen.

Was ist denn im Gruppensetting so anders als im Einzelsetting?

  • Die BTS Gruppe ist ein soziales System, das auf kleinstem Raum das tägliche Umfeld mit all seinen Facetten abbildet. Das bedeutet: Hier sind Menschen mit verschiedenen beruflichen Anforderungen in unterschiedlichen Hierarchiepositionen, im Alter von nach der Adoleszenz bis …., mit überkonfessioneller Gemeindezugehörigkeit, verschiedenster familiärer Prägungen und vielfältigsten Lebenszielen.
  • Dadurch bringen diese Menschen verschiedenste Ressourcen, Schwierigkeiten, und Probleme in den Gruppenprozess ein. Viele Ratsuchende denken: „ich habe mit meinen Problemen so viel Not, ich kann nicht auch noch die der Andern anhören“. Aber das Erstaunliche ist, dass die Menschen dadurch selbst gesünder werden, sie hören nämlich auf, nur um sich selbst zu kreisen! Andere leiden auch – eine wichtige Entdeckung!
  • Verhaltensänderungen können in der Gruppe geübt werden, z.B. mit Rollenspielen oder sonstigen interaktiven Vorgehensweisen. Das Ausprobieren in der Gruppe (geschützter Raum) erleichtert das Lernen von neuem Denken und Verhalten, weil die Angst vor den Konsequenzen von Fehlern stark reduziert wird.
  • Wenn ein neuer Gruppenteilnehmer hört, wie andere berichten, dass sie nach einer aussichtslosen Lebenslage wieder mit dem Alltag zurechtkommen, blüht die bei ihm die Hoffnung auf!
  • Eine BTS-Gruppe ist geradezu ideal, um die Betroffenen zu schulen. Die Teilnehmer lernen Merkmale von Störungen kennen (Depressionen, Ängste, …) und den Umgang damit. Sie erfahren etwas über Verschiedenheiten von Persönlichkeiten, vom Belohnungssystem im Gehirn, u.v.a.
  • Durch das Arbeiten in der Gruppe lernen die Teilnehmer eine für sie vorteilhafte Kommunikation, Wertschätzung, gute Streitkultur und damit eine reife soziale Kompetenz
  • Gruppenmitglieder halten zusammen, denn sie alle haben erfahren, dass sie einander nichts mehr vorspielen müssen. Sie merken, dass es gut tut, einen Raum zu haben, wo keine Maske mehr notwendig ist.
  • Für die BTS Gruppe gilt die biblische Verheißung, dass Jesus durch den Heiligen Geist mitten im Geschehen als Tröster und Helfer dabei ist.

Natürlich stimmten die Bedenken, dass die/der Einzelne nicht die ganze Aufmerksamkeit des Seelsorgers/Beraters erhält. Zwar sind die Nöte der RS individuell verschieden, trotzdem wird jeder Ratsuchende mit in den Veränderungsprozess einbezogen. Vielleicht gerade dadurch, dass er seine Bedürfnisse einfordern muss. Ein anderer muss lernen, sich nicht all zu wichtig zu nehmen.

Im normalen Alltag können wir uns auch nicht alle Situationen, Begegnungen, Umstände und Herausforderungen aussuchen. In der „alltagsnahen“ BTS-Gruppe, können wir lernen, wie wir mit all diesen Anforderungen besser umgehen können.

Eine weitere große Stärke des Gruppensettings ist die Stabilisierung nach einer stationären oder ambulanten Intervention. Beziehungserfahrungen in der Gruppe ermöglichen eine weitere Vertiefung des bisher Gelernten (Übung).

Diese Ergebnisse zeigen, dass das Gruppensetting ein sehr effektives Beratungssetting ist. Ist das nicht auch ein Setting, das Sie angehen wollen?

Natürlich brauchen GruppenleiterInnen Fertigkeiten und Wissen. Die BTS bietet Ihnen eine Reihe von Möglichkeiten an, damit Sie die notwendigen Fähigkeiten und Kompetenzen erwerben können. Das sind: Grundkurs und möglichst die Aufbaukurse, Besuch des Gruppenmoduls (SA 03), Studium des Gruppenhandbuchs und des Gruppen Lehrfilms. In der Gruppenleitersupervision steht dann die Praxis dieses Settings im Mittelpunkt. Sie dient der kontinuierlichen Weiterentwicklung der Fähigkeit des Gruppenleiters.

Ich erfahre leider oft hinterher, dass sich Gruppen wieder schnell auflösen, ohne dass nach Hilfe und Unterstützung gesucht wurde. Besser wäre es in solch einem Fall, die Situation in der GLSV oder im Gespräch mit uns, Manfred Illg und/oder Lieselotte Beißwanger, zu besprechen.

Manfred Illg

Supervisor & BTS Gruppen

Lernen im (Berufs)Alltag

Wenn ich überlege, welchen Satz ich in den letzten 25 Jahren Beratungspraxis am häufigsten gehört habe, wenn es um Lernschritte und Veränderung ging, dann dieser: „Das ist aber nicht so einfach, Herr Mehring.“ Nein, gewiss, Veränderung ist nicht einfach. Aber ist es denn so schwer, wie diese Ansage vermuten lässt? Ich meine nicht.

Unsere Aufgabe in der seelsorgerlichen Begleitung muss sein, den Veränderungsprozess so anzuregen, zu begleiten und zu konzeptualisieren, dass der Weg für den Ratsuchenden als gangbar erkennbar und entsprechend begleitet wird. Da sind wir als Seelsorgerin und Seelsorger gefordert. Auf Seiten des Ratsuchenden braucht es Motivation. Das ist klar und das wissen wir alle. Ohne Motivation gibt es keine Veränderung.

Ich denke, dass wir ohne Mühe sagen können, dass Motivation ebenso wichtig ist wie die Intelligenz eines Menschen, um im Leben klar zu kommen. Motivation als Wille, Antrieb, das Gefühl der eigenen Wirkmächtigkeit, etwas machen wollen und können und es schlussendlich auch tun, speist sich einerseits aus der Frustration über den Ist-Zustand und andererseits aus der empfundenen Sinnhaftigkeit des anzustrebenden Ziels.

Ohne Frustration wird es keine Veränderung geben. Ohne Leidensdruck macht der Mensch sich nicht auf den Weg. Klingt profan – wird aber in aller Regel zutreffend sein. Natürlich haben wir theoretisch das Zeug auch ohne Leidensdruck Veränderung anzustreben. Einfach deswegen, weil wir uns Gedanken gemacht und etwas als die bessere Variante entschieden haben. Diese Variante gibt es sehr wohl. Aber die überwiegende Erfahrung aus dem seelsorgerlichen Kontext ist, dass wir uns erst dann, wenn wir auf „brennendem Boden stehen“, in Bewegung setzen. Leidensdruck der in diesem Sinne wirksam ist, kann man schlecht von außen induzieren. Wir können aber in der Seelsorge darauf hinweisen und hinwirken, dass der Mensch sich seines Leidensdrucks erinnert, so dass die Veränderungsbereitschaft nicht zu schnell und zu früh wieder abflacht. Das ist gewiss ein schwieriges Thema, weil es naturgemäß unser Bestreben ist, den Leidensdruck möglichst bald zu beenden.

Des weiteren ist es die Sinnhaftigkeit des neuen Ziels, die uns motiviert den Weg der Veränderung zu gehen. Wird dieser Sinn nicht gefunden, wird die Motivation unbedeutend sein und in aller Regel schnell und nachhaltig verflachen.

Was wird mir mein neues Verhalten im Kollegium bringen ? Wie wird es sich anfühlen ohne 5 Bier am Abend und 30 Zigaretten über den Tag verteilt zu leben ? Wie gut werde ich mich fühlen, wenn ich 2 x in der Woche Sport gemacht habe ? Wie sehe ich im Spiegel aus mit 10 Kg weniger ?

Es ist im Grunde wie bei einem Kassensturz. Was bringt mir die Veränderung ? Was bringt es mir, wenn alles so bleibt wie es ist ? Ohne sinnstiftende Verknüpfung, die gleichsam eine emotionale Verknüpfung mit dem Veränderungswunsch oder Lernziel darstellt, wird die Bemühung vor allem eines sein; anstrengend. Und dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, wann das Unterfangen wieder eingestellt wird. Und damit gleichsam als negative Erfahrung konditioniert ist. Nach dem Motto „es war ja klar, dass ich es nicht schaffen kann“.

Neben diesen Aspekten ist als weiterer wichtiger Faktor die soziale Unterstützung zu nennen. Veränderung ist leichter, wenn man mindestens ein wenig Unterstützung in und durch sein Umfeld erfährt. Daher ist es durchaus empfehlenswert seinem engeren Umfeld von seinem Veränderungswunsch zu erzählen. Auch wegen des daraus resultierenden sozialen Drucks. Beispiel; doofe oder anspornende Kommentare, wenn man doch wieder eine Zigarette anzündet.

Vor dem Hintergrund dieser Aspekte ist es dann nur noch die Frage, wie klein oder wie groß man die Lernschritte dimensioniert. Weder sollen sie über – noch unterfordern.

Didaktisch in kleinst möglicher Form zusammengedampft kann man das Procedere des nachhaltigen Lernens im Dreiklang Verstehen – Entscheiden – Trainieren zusammenfassen. Eine Formel die man gut mit in den Alltag nehmen kann.

Oder man geht den etwas umfänglicheren Weg und lernt die Einzelaspekte des ABPS Veränderungsmodells als innere Landkarte auswendig. Stimuli – Gedanken – Medikamente – Organismus – Spiritualität – Verstärker – Kontingenz – System – Übung.

Diese Landkarte hilft, sich auf der Wegstrecke des Veränderns und Lernens zurecht zu finden und das Ziel zu erreichen.

Abschließend noch ein Punkt der mir nach den vielen Jahren in der Beratungspraxis immer wichtiger wird. Römer 12,2 wird in verschiedenen Bibelübersetzungen verschieden übersetzt. In manchen Übersetzungen lesen wir sinngemäß „verändert euch durch die Erneuerung eures Sinnes“. In manchen Übersetzungen lesen wir hingegen sinngemäß „werdet von Gott verändert durch die Erneuerung eures Sinnes“.

Streng genommen ist es ein gewaltiger Unterschied ob ich verändert werde durch Gott oder die Aufforderung an mich ergeht, mich zu verändern. Als Nicht-Theologe nehme ich an, dass beide Arten der Übersetzung aus dem Grundtext übersetzbar sind, also dem Bedeutungsspektrum der Worte entsprechen.

Und so wird aus dem vermeintlichen Gegensatz das ganzheitliche Ganze.

Wie auch an anderen Stellen des Wortes Gottes. Beides stimmt. Gott hilft. Und ebenso sollen wir selbst mit der uns eigenen Kraft und Motivation ans Werk geben.

Oder anders ausgedrückt. Es stimmt was immer schon stimmte und auch für unser Thema Veränderung zutreffend ist – Ora et labora.

Florian Mehring, MSc Psych. / BTS Wuppertal

Trauma – Beratung, Therapie und Seelsorge

Trauma, ein Wort das gerade inflationär gebraucht wird. Und das besonders im Zusammenhang mit den vielen asylsuchenden Flüchtlingen. In den Nachrichten sehen wir Bilder von Menschen, die mit letzter Kraft versuchen, unser Land zu erreichen: Verwirrte, ängstliche, traumatisierte Flüchtlinge. Aber wer aufmerksamer beobachtet, findet Traumata jederzeit und überall: Bei Kriegen, Unfällen, Naturkatastrophen – auch in den Schulen und Familien – und sogar in den Kirchen.

Aber was ist denn mit „Trauma“ überhaupt gemeint? Und wie können wir als Seelsorger damit umgehen?

Auf den folgenden Zeilen wird versucht, den Begriff so genau wie möglich zu definieren, dann nach den Entstehungsursachen zu suchen und abschließend einen therapeutischen Beratungseinsatz zu zeigen, der auf unserem ganzheitlichen Konzept der Allgemeinen Beratung Psychotherapie und Seelsorge ABPS aufbaut.

  1. Definitionen und Zahlen

Immer häufiger kommen Menschen zu Lebens- und Sozialberatern und fragen, ob sie möglicherweise eine traumatische Störung erlebt haben – nicht selten mit sehr unklaren Beschreibungen ihres Zustandes. Wenn Begriffe zu Allgemeinplätzen geworden sind, ist es sehr wichtig, eine saubere Klärung zu finden. Dabei ist mit großer Sicherheit anzunehmen, dass es Traumata schon in der ganzen Menschheitsgeschichte gegeben hat und nicht erst, seit so viele Fremdlinge Asyl suchen.

Das Wort „Trauma“ stammt aus der altgriechischen Sprache und bedeutet Verletzung, Verwundung, Schaden oder auch Niederlage. Ursprünglich wurde es nur bei körperlichen Verletzungen in der Medizin gebraucht. Nachdem Sigmund Freud vor mehr als 100 Jahren auch seelische Erschütterungen oder Schocks als Traumata beschrieben hat, ist das Wort in die Psychotherapie aufgenommen worden. In der psychotherapeutischen Fachsprache spricht man heute von einer Posttraumatischen Belastungsstörung PTBS, die als Folge eines Traumas auftreten kann.

Für die Diagnose kann es manchmal wichtig sein, die PTBS von anderen psychischen bzw. von Entwicklungsstörungen abzugrenzen. Die Weltgesundheitsorganisation hat deshalb im Jahr 1994 folgende Definition vorgeschlagen: Traumata sind kurz oder lang anhaltende Ereignisse von außergewöhnlicher Bedrohung mit katastrophalem Ausmaß, die nahezu bei jedem Menschen eine tiefgreifende Verzweiflung auslösen. Ähnlich definiert das amerikanische Diagnosesystem DSM, wenn es ein Trauma als Ereignis beschreibt, das eine Konfrontation mit drohendem Tod oder ernsthafte Verletzung oder Gefahr für die eigene oder fremde körperliche Unversehrtheit beschreibt.

Wenn man sich an die dramatischen Geschehen bei Verkehrsunfällen wie z. B. den Unfall mit dem Intercity in Eschede im Jahr 1998 erinnert oder das schreckliche Geschehen im Nahen Osten fast täglich auf dem Bildschirm sieht, dann wird deutlich, welche Ereignisse mit den Ursachen gemeint sein könnten. Dabei darf jedoch nicht übersehen werden, dass Menschen ganz unterschiedlich auf die jeweiligen Ereignisse reagieren. Deshalb muss bei der Diagnostik einer PTBS immer auch die individuelle Persönlichkeitsstruktur berücksichtigt und auch alle Zahlen zu Ausmaß und Verbreitung vor diesem Hintergrund gesehen werden.

Wenn man von einer mittleren Bevölkerung ausgeht, wie dies in der psychologischen Statistik üblich ist, dann werden in der Fachliteratur einige Zahlen zur Verbreitung der PTBS genannt. Die Forscher gehen davon aus, dass die Mehrheit der Bevölkerung in ihrem Leben mindestens einmal ein traumatisches Ereignis erlebt – das aber, je nach Persönlichkeitsstruktur, nicht unbedingt zur PTBS führen muss. Statistisch gesehen kann davon ausgegangen werden, dass bei knapp 10 Prozent der Bevölkerung nach dem Trauma eine PTBS folgt. Dabei sind es doppelt so viele Frauen als Männer. Die höheren Zahlen bei Frauen sind dadurch zu erklären, dass Frauen viel häufiger schwerwiegende Ereignisse erleben z. B. Vergewaltigung oder Kindesmisshandlung.

Auch bei Kindern ist die Zahl der Traumatisierten größer als der Bevölkerungsdurchschnitt.

Bezogen auf die asylsuchenden Flüchtlinge muss man davon ausgehen, dass diese überwiegend monotraumatisiert sind, d.h. sie haben während ihrer Flucht traumatische Erlebnisse erfahren. Es gibt auch komplexe Traumata, besonders dann, wenn manche Kinder in sehr schwierigen Familiensituationen aufgewachsen sind. Hier ist der Übergang zum chronischen Erschöpfungssyndrom oder zur generalisierten Angststörung fließend und die Behandlung ist auch anders als nachfolgend für die PTBS beschrieben.

 

Merkmale der PTBS

Typische Merkmale nach ICD 10 sind das wiederholte Erleben des Traumas in Nachhallerinnerungen (Flashbacks), Träumen oder Alpträumen. Verbunden damit ist häufig ein andauerndes Gefühl von Betäubtsein und emotionaler Stumpfheit, Freudlosigkeit und Gleichgültigkeit gegenüber anderen Menschen. Zusammen mit der emotionalen Stumpfheit tritt aber auch ein Zustand von psychischer Übererregtheit und Schreckhaftigkeit auf. Schlafstörungen, Angst und Depression sind häufig mit den genannten Symptomen und Merkmalen assoziiert und Suizidgedanken sind nicht selten.

 

  1. Entstehungsursachen einer PTBS

Was geschieht im Menschen, wenn es zu einer posttraumatischen Störung kommt?

Man muss die PTBS im Rahmen der ganz allgemeinen Änderungsmöglichkeiten des Menschen sehen. Mit dem Konzept der ABPS, das auf dem biblischen Menschenbild einer lebendigen und vulnerablen Seele beruht (Genesis 2,7), gibt es nur drei grundsätzliche Möglichkeiten der Änderung:

  • Durch körperliche Prozesse (Genetik , Wachstum Medikamente, Essen, Trinken, Sport usw. ).
  • Durch Lernprozesse, wobei im Gehirn Neurone dauerhaft verschaltet werden. Dabei gibt es verschiedene Lernarten, die zu dieser Verschaltung führen können (Lernen durch Einsicht, Konditionieren, Üben, Nachahmen).
  • Die dritte Änderungsmöglichkeit ist spiritueller Art: Gott kann zu jedem Augenblick ein Wunder vollbringen und den Menschen ändern.

 

Bezogen auf die PTBS handelt es sich beim Trauma, wie in der Abbildung gezeigt, um einen außerordentlich schnellen und intensiven Lernprozess Weil alles so rasant und heftig geht, ändern sich während des Traumas die normalen Wahrnehmungen des Menschen. Er hat eine andere Zeitwahrnehmung, der Raum wird anders wahrgenommen und auch der eigene Körper (beispielsweise die Kontakte zu den Füßen und Armen). Auch das Gegenüber wird gar nicht oder ganz anders gesehen. Weiterhin kann das Altersempfinden verändert sein usw.

Oft kommt es während des Traumas auch zu Dissoziationen. Normalerweise werden die unterschiedlichen Signale unserer Sinnesorgane ans Gehirn gesendet und dort integriert. Dabei ergibt sich eine Gedächtnisspur, die nach Raum und Zeit geordnet wird. Unser Gehirn stellt mit seiner hohen Integrationsfähigkeit eine Einheit her und wir merken gar nicht, dass die einzelnen Elemente nacheinander ankamen. Bei einer Dissoziation ist diese Einheit nicht mehr gegeben. Was normalerweise integriert wird, hat jetzt eine andere Bedeutung.

Es gibt solche Dissoziationen auch im normalen Alltagserleben. Z. B. kann ein Langläufer seine Schmerzen ausblenden oder ein Computerspieler ist während des Spiels so tief versunken, dass er das Gefühl für die verstrichene Zeit vollkommen verliert.

Im Unterschied zu solchen Alltagsphänomenen kommt es beim Trauma zu viel stärkeren dissoziativen Störungen, bei denen die Erinnerungsfähigkeit an das traumatische Erlebnis ungewöhnlich ist. So hat ein Mensch noch während des traumatischen Ereignisses oft das Gefühl, sich in eine handelnde und eine beobachtbare Person zu spalten. Ein Vergewaltigungsopfer kann u.U. noch nach Jahren Schmerzen im Unterleib haben, obwohl das auslösende Ereignis aufgrund einer traumatisch bedingten Amnesie nicht mehr erinnerbar ist usw.

Verlauf und Prognose

In den meisten Fällen treten die Symptome der PTBS sofort nach dem auslösenden Ereignis auf. Ein verzögerter Eintritt beginnt nur bei ca. zehn Prozent der Betroffenen.

Im ersten Jahr nach dem Erlebnis gehen die Symptome bei der Hälfte der Traumatisierten ohne Behandlung zurück. Dies macht deutlich, dass wir Menschen Selbstheilungskräfte haben, die auch psychische Wunden gesunden lassen.

Bei etwa einem Drittel der Personen, die eine PTBS entwickeln, ist mit einem chronischen Verlauf zu rechnen. Das Risiko hierfür ist umso höher, je schwerer die Anfangssymptome sind.

 

Was sollte der traumatisierte Ratsuchende über seine Störung wissen?

In der modernen Psychotherapie wird dem Selbstmanagement der Ratsuchenden ein hohes Gewicht beigemessen. Hierzu ist es bei der PTBS wichtig, dass die Betroffenen einige Sätze verinnerlichen. Folgenden Einreden sind hilfreich:

  • Ich habe ein Trauma erlebt und das war furchtbar. Meine Symptome sind eine normale Reaktion auf eine Abänderung der Situation.
  • Die Symptome werden deshalb aufrechterhalten, weil mein Gehirn das Erlebnis anders als üblich gespeichert hat. Deshalb wird das Trauma besonders leicht durch entsprechende Reize abgerufen und ich erlebe es im Hier und Jetzt.
  • Das Erlebnis und seine Konsequenzen haben dazu geführt, dass ich über viele Dinge ganz anders denke.
  • Manche Dinge, die ich tue, um meine Symptome in den Griff zu bekommen (z.B. intensiv dagegen ankämpfen), verhindern die Besserung.
  • In der Therapie will ich mein Gedächtnis über das Erlebnis ordnen und verarbeiten. Ich will darüber sprechen, wie ich seit dem Trauma über die Welt und über mich denke und neue Wege ausprobieren, um meine Symptome in den Griff zu bekommen.
  • Mein Schicksal ist nicht unabwendbar. Die Folgen des Traumas sind veränderbar.
  • Heute ist der erste Tag meines restlichen Lebens…..

 

  1. Therapeutische und seelsorgerische Hilfestellungen

Beim imaginativen Nacherleben wird das Trauma nochmals erlebt und zusammen mit den Beratern bzw. Therapeuten bearbeitet, d.h. zurechtgerückt. Einige Therapeuten sprechen dabei auch vom „Aufräumen im vollgestopften Schrank“. Ziel ist, dass der Patient die Traumasituation der Vergangenheit mit der sicheren Situation der Gegenwart verbindet. Der Patient stellt sich dabei das traumatische Erlebnis in der zeitlichen Reihenfolge in allen Einzelheiten vor und erlebt seine Reaktionen und Eindrücke. Er berichtet in der Ich-Form und soll dabei nichts auslassen. Auch nicht die Eindrücke seiner Sinnesorgane (Geruch, Geschmack, Gerüche, körperliche Eindrücke usw.). Er soll von seinen Gedanken und Gefühlen – auch wenn diese im Nachhinein falsch oder peinlich sein sollten – berichten. Während des Erzählens auftretende Gefühle sollen nicht unterdrückt werden.

Das gesamte imaginative Nacherleben soll vom Patienten in der Gegenwartform berichtet werden. Der Therapeut holt ihn gegebenenfalls, wenn er in die Vergangenheit wechselt, wieder zurück.

Die Geschwindigkeit des imaginativen Nacherlebens bestimmt der Patient.

Während der Sitzung hält sich der Therapeut zurück, ähnlich dem Setting in der nondirektiven Gesprächspsychotherapie. D.h. er gibt nur kleine Anstöße z. B. „was passiert jetzt“ oder „stellen Sie sich diesen schwierigen Moment in Zeitlupe vor“. Um den Grad der Spannung einzuschätzen ist es hilfreich, mit einem „Schmerzthermometer“ zu arbeiten, auf dem sich der Patient immer wieder einschätzen kann.

Insgesamt gesehen sollte der Berater oder Therapeut immer den Eindruck erwecken, dass er auf der Seite des Traumatisierten steht und ihm mit großer Empathie und Wertschätzung begegnet.

Für das imaginative Nacherleben müssen in der Regel einige Sitzungen geplant werden. Wichtig ist nach dem Abschluss die Nachbesprechung. Dabei soll der Patient berichten, wie er den Prozess wahrgenommen hat. War es schlimmer als erwartet? Ist die geplante Katastrophe eingetreten? Hat er neue Aspekte nacherinnert?

Beim Nacherleben wird ausführlich auf die am stärksten belastenden Momente eingegangen mit Fragen wie:

  • Was hat das für Sie bedeutet?
  • Was geht Ihnen dabei durch den Kopf?
  • Was war besonders schlimm für Sie?
  • Welche war die vorherrschende Emotion?

Wenn die Antworten auf diese Fragen unangemessen zur Wirklichkeit sind, werden die „verirrten“ Gedanken mit den Methoden aus der Kognitiven Therapie rekonstruiert, z.B. mit den vielen Möglichkeiten und Regeln, die von Albert Ellis bekannt sind.

Ein weiterer wichtiger Teil der Arbeit an der Posttraumatischen Belastungsstörung ist die Stärkung der psychischen Stabilität. Ziele für den Patienten können hierzu die folgenden Sätze sein:

  • Ich kann meine Aufmerksamkeit lenken.
  • Ich kann meinen Körper regulieren.
  • Ich kann Nähe und Distanz in Beziehungen regulieren. (Ausbau des Ressourcenbereichs im Zusammenleben).
  • Ich kann mich immer wieder neu wahrnehmen und entwickeln. (Möglichkeit der Veränderung und Anpassung meines Selbstbildes)..
  • Ich kann mein Umfeld und den Raum um mich wahrnehmen, nutzen und gestalten.
  • Ich kann mein Erleben auf der Zeitlinie einordnen.
  • Ich gebe meinem Erleben Sinn und erlebe mich als Teil der Welt.

 

Immer wieder wird in Fachkreisen diskutiert, ob bei der PTBS eine medikamentöse Behandlung hilfreich sein kann. Eine Reihe von wissenschaftlichen Untersuchungen hat allerdings gezeigt, dass Psychopharmaka nur mäßig erfolgreich sind. Weitere Vorschläge, wie z.B. die Desensibilisierung mit der EMDR-Therapie, bei der die Augenbewegungen verfolgt werden, sind wenig erfolgreich. Auch die psychodynamischen Therapien zeigen keine eindeutigen Erfolge.

Aus der Metaebene heraus betrachtet kann man davon ausgehen, dass es bei der Heilung um einen Lernprozess für neues Verhalten, neues Denken und oft auch um ein neues Lebensbild geht. Besonders hilfreich hierzu ist das Metakonzept der ABPS. Auch weil es den Menschen ganzheitlich sieht und deshalb die Spiritualität in Diagnose und Therapie einbezieht, stehen Ressourcen zur Verfügung , die größer sind.

 

Trauma und Spiritualität

Interessant ist, dass die Bibel Fälle von PTBS kennt und auch Heilungswege zeigt. Saulus erlebte ein Trauma auf dem Weg nach Damaskus (vgl. Apg 9, 1-22). Er wütete und hatte Briefe an die Synagogen, um die Anhänger des neuen Weges zu fesseln und nach Jerusalem zu bringen. Unterwegs aber, als er sich bereits Damaskus näherte, geschah es, dass ihn plötzlich ein Licht vom Himmel umstrahlte. Er stürzte zu Boden und hörte, wie eine Stimme zu ihm sagte: Saul, Saul, warum verfolgst du mich? Er antwortete: Wer bist du, Herr? Dieser sagte: Ich bin Jesus, den du verfolgst. Steh auf und geh in die Stadt; dort wird dir gesagt werden, was du tun sollst. Seine Begleiter standen sprachlos da; sie hörten zwar die Stimme, sahen aber niemand. Saulus erhob sich vom Boden. Als er aber die Augen öffnete, sah er nichts. Sie nahmen ihn bei der Hand und führten ihn nach Damaskus hinein. Und er war drei Tage blind, und er aß nicht und trank nicht.

Ein Jünger aus Damaskus mit Namen Hananias hatte zu der Zeit die Vision, dem Saulus die Hände aufzulegen, ihn zu heilen und ihm auch mitzuteilen, welche Aufgabe er zukünftig haben werde. Hananias war zwar angstbesetzt aber er ging zu dem blinden und traumatisierten Saul mit den Worten „Bruder Saul, der Herr hat mich gesandt, Jesus, der dir auf dem Weg hierher erschienen ist; du sollst wieder sehen und mit dem Heiligen Geist erfüllt werden“. Und sofort fiel es wie Schuppen von seinen Augen, und er sah wieder; er stand auf und ließ sich taufen. Und nachdem er etwas gegessen hatte, kam er wieder zu Kräften.

Dieser biblische Originalbericht hat viele Kennzeichen eines Traumas – aber er endet nicht in einer PTBS. Nach drei Tagen kommt es zu einer vollständigen Remission verbunden mit einer großen inneren Klarheit für den zukünftigen Saulus, der zum Paulus wurde.

Es wir hier auch deutlich, dass Traumata nicht immer nur negative Folgen haben, ja dass sie sogar zu einem Paradigmenwechsel und der Weiterentwicklung im Leben des Opfers führen können. Über 90% der Menschen, die ein Trauma erlebt haben, entwickeln keine PTBS. Und hätte Saulus nicht das Trauma auf dem Weg nach Damaskus erlebt, wäre er nicht zum Paulus geworden.

 

  1. Posttraumatisches Wachstum

Keinesfalls darf die Dramatik eines Traumas klein geredet werden und die damit verbundene Schuld der Täter bleibt bestehen. Dennoch berichten nicht wenige Menschen, so wie Paulus, dass sich ihr Leben nach dem Trauma zum Bessern verändert habe. Sie fanden einen Zugewinn in folgenden Bereichen:

  • Die eigene Stärke wurde bewusster.
  • Es wurden tiefere Beziehungen zu anderen Menschen entwickelt.
  • Neue Lebensperspektiven wurden entdeckt.
  • Das Leben wird stärker geschätzt.
  • Es wurde eine intensivere Spiritualität entwickelt.

 

Nicht jeder wächst an seinem Trauma. Aber vielen traumatisierten Menschen wird die Vergänglichkeit ihres Daseins bewusster. Manche verstört dies, während es andern hilft, neue Prioritäten zu setzen. So gesehen ist das Posttraumatische Wachstum auch nicht das Gegenteil einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Vielmehr ist die Belastung für manche Menschen der Treibstoff für emotionales Wachstum – ihre psychische Resilienz nimmt zu. Im NT (2. Kor 7,9-11) wird hierzu von einer göttlichen Traurigkeit berichtet, die zum Heil führt.

Aber nochmals: Auch wenn von manchen positiven Folgen eines posttraumatischen Wachstums berichtet werden kann, darf dies doch nicht zur Entschuldigung der Täter nach dem Motto, ihre Opfer hätten ja zugewonnen, gebraucht werden. Deshalb gehört zum gesamten Komplex einer Traumatherapie auch die Nachsorge für den Täter und die Suche nach einer Wiedergutmachrung wo immer das möglich sein kann. Hier ist der spirituelle Weg der Sündenvergebung und anschließender Umkehr (Buße) oft die einzige Möglichkeit.

 

Literatur

Ehlers, Anke (1999): Posttraumatische Belastungsstörung. Göttingen: Hogrefe

Dieterich, Michael (2009) Wie sich Menschen ändern. Witten: SCM-Verlag

Haas, Michaela (2015) Am Trauma wachsen? Die ZEIT Nr.36 S. 34..

Handtke, Lydia; Görge, Hans-J. (2012) Handbuch Traumakompetenz. Paderborn: Junfermann.

 

Autor:

Prof. Dr. Michael Dieterich Freudenstadt

10/2015